Innovation Factory — Losone
«Wenn man einen Fischer fragt, waren die Fische früher immer grösser. So sind wir Fischer: Wir leben von Erinnerungen, von guten Zeiten, von Abenteuern, die es wert sind, hundertmal, tausendmal erzählt zu werden.»
Giuliano ist ein alter Fischer aus Losone. Er ist an den Ufern der Maggia und der Melezza aufgewachsen, wo er ein Leben lang tausende Male die Angel auswarf, in der Hoffnung, dass eine Forelle anbeissen würde.
Im Lauf der Jahre sah er, wie sich die Flussufer veränderten, umgeben von neuen Siedlungen: Industrie, Gewerbe, Wohnen. Das Wasser floss weiter, doch die Gesellschaft und die Wirtschaft ringsum wandelten sich.
GF Machining Solutions (Georg Fischer), ein Schweizer Unternehmen von Weltrang, betrieb in Losone zwei Standorte: einen in Saleggi, den anderen in Zandone. Die Entscheidung fiel, sämtliche Aktivitäten am zweiten Standort zu bündeln und für den ersten eine neue Bestimmung zu finden. Auch für die Flussufer, die Giuliano so am Herzen liegen, hat sich vieles verändert — und diesmal kann nicht einmal er behaupten, es sei früher besser gewesen.

Historischer Kontext
Zwischen dem 7. und dem 8. August 1978 wurde das Tessin von der verheerendsten Naturkatastrophe seiner jüngeren Geschichte getroffen. Sieben Menschen verloren ihr Leben. In Losone traten die Maggia und die Melezza über die Ufer und hinterliessen eine Spur der Zerstörung.
Knapp vierzig Jahre später, 2016, wurde atelier ribo+ beauftragt, eine Reaktivierungsstrategie für den Standort Saleggi zu entwickeln. Die Idee einer Innovation Factory für den Georg-Fischer-Konzern war geboren.
2017 erhielt das Büro den Auftrag, die Erweiterung des Hauptsitzes Zandone an der Melezza zu planen.
Ab 2020 trat Zandone in eine Phase der Erneuerung ein: Der Standort wuchs und wurde schrittweise ausgebaut, während Saleggi nach und nach freigestellt wurde, um sich zu wandeln und eine neue Identität anzunehmen — unter der Leitung einer neuen Eigentümerschaft, die sich der Stadt und dem Kanton gegenüber ernsthaft verpflichtet fühlt.
Der Beitrag von atelier ribo+ umfasste sämtliche Dimensionen des Prozesses. Im Bereich Architektur und Landschaft definierte das Büro beide Reaktivierungsprojekte. Im Bereich Beratung begleitete es den Auftraggeber bei der Erarbeitung einer Veräusserungsstrategie für die Gebäude des Areals. Diese berücksichtigte die laufenden Fristen und Abläufe der Verlagerung und Erneuerung und skizzierte zugleich mehrere wirtschaftlich tragfähige Reaktivierungsszenarien, mit dem Ziel, einen Komplex aufzuwerten, dessen Architektur untrennbar mit seiner ursprünglichen industriellen Funktion verbunden bleibt.
Beide Standorte waren im Lauf der Jahrzehnte gewachsen: zunächst als Produktionsstätten von Agie Charmilles, später als Werke von GF Machining Solutions. Zwei Industrie- und Verwaltungskomplexe, die das Leben und die Wirtschaft von Losone nachhaltig geprägt haben.

Eine innovative Entscheidung
Atelier ribo+ erhielt das Mandat von GF Machining Solutions dank seiner Kompetenz in der Reaktivierung gebauten Erbes. Auch bei diesem Projekt arbeiteten die verschiedenen Abteilungen des Büros integriert zusammen.
Den Anfang machte eine Marktanalyse zur Ermittlung wirtschaftlich tragfähiger Nutzungen. Darauf folgte eine Studie zur Einbettung dieser Nutzungen in den übergeordneten territorialen Kontext.
Das Areal wurde anschliessend als kommerzielles Projekt repositioniert und potenziellen Käufern angeboten.
Über den architektonischen Eingriff an den Gebäuden hinaus ermöglichte die Operation Innovation Factory, das Verhältnis zwischen dem Areal — längst Teil des städtischen Gefüges — und dem Ufer der Maggia neu zu gestalten. Eine direkte Verbindung zum Fluss wurde geschaffen; das Quartier öffnet sich ganz natürlich zum Wasser hin. Dieser Schritt spiegelt die soziale und ökologische Verantwortung des Unternehmens wider und eröffnet Möglichkeiten für neue ökonomische Wertschöpfung, verbunden mit höherer Lebensqualität für das umliegende Gebiet.

Schlussbetrachtung
Es gibt Momente in der Geschichte, in denen die Strömungen sich verändern. Technologien entwickeln sich weiter, Märkte wandeln sich, Unternehmen müssen sich anpassen, ihre Vermögenswerte optimieren, ihre Effizienz steigern. Doch die Strömungen wollen aufmerksam gelesen werden; man darf sich nicht treiben lassen. Wer Neues schaffen will, muss gegen den Strom schwimmen — so wie Forellen und Lachse es tun, wenn sie zum Laichen aufsteigen.
Gegen den Strom zu schwimmen bedeutet, die sozioökonomischen Dynamiken des Gebiets zu verstehen, in dem man tätig ist. Es bedeutet, Beziehungen zu Stakeholdern aufzubauen und Lösungen vorzuschlagen, die gleichermassen innovativ wie nachhaltig sind.
Gegen die Strömung zu schwimmen ist nie leicht, doch es bleibt der einzige Weg, um mit echtem Schwung neu zu starten — und eine lange Abfahrt vor sich zu haben.